Einzigartig schreiben

Ein Drama an einem geschäftlichen Anlass. Die Assistentin des Produktionsleiters trägt das gleiche Kleid wie die Frau des CEOs. Verzweifelte Ich-will-sofort- im-Boden-versinken-Blicke, gequältes Lächeln, Schweisstropfen auf der Stirn. Der Abend ist für beide gelaufen. Die Herren lächeln in ihren grauen Anzügen, sofern es ihnen überhaupt auffällt.

Was ist passiert? Die beiden Damen sind nicht mehr einzigartig. Beide haben das gleiche Kleid gekauft. Ob bei H&M oder Trois Pommes – egal, wenn zwei das Gleiche tun, wird es in dieser Situation als beschämend wahrgenommen.

Einzigartig heisst ja einmalig, ohnegleichen, exklusiv … Und die meisten Menschen nehmen das auch für sich persönlich in Anspruch. Sie kleiden sich in ihrem eigenen Stil, kombinieren die passenden Farben, wohnen individuell möbliert, wählen ein Auto nach persönlichen Kriterien aus.

Für die Sprache – um jetzt endlich zum Thema dieses Blogbeitrages zu kommen –  gilt das allerdings nicht. Da sind Frau und Mann weniger wählerisch, hier muss es nicht mehr exklusiv sein. Wenn eine andere Frau das gleiche Kleid trägt, ist es kaum zu ertragen. Für die gleichen Sätze, die gleichen Floskeln aber schämt man sich nicht.

Wenn Briefe und E-Mails mit «Bezugnehmend auf Ihren gestrigen Anruf sende ich Ihnen beiliegend unsere neue Broschüre» anfangen und mit «Für weitere Informationen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung» beendet werden – dann ist das nicht einzigartig. Nur langweilig, simpel und irgendwie auch stillos. Meistens übernimmt man Vertrautes und begnügt sich mit ausgeleierten Floskeln. Und kaum jemand kümmert sich um einen persönlichen Schreibstil.

Wenn jedes zweite E-Mail mit «Gerne» beginnt («Gerne bestätige ich Ihnen», «Gerne übernehmen wir», «Gerne habe ich für Sie abgeklärt») oder mit «Beiliegend», «Angehängt», «Anbei sende ich Ihnen», dann ist das zwar nicht falsch. Aber austauschbar und langweilig. Schrecklicher wird es dann nur noch, wenn man sich mit «Ich hoffe, Ihnen mit diesen Angaben gedient zu haben» verabschiedet oder eben mit «Für Fragen stehen wir Ihnen jederzeit gerne zu Verfügung».

Wikipedia beschreibt Floskeln und Phrasen so: «In der Umgangssprache werden viele Floskeln verwendet, oft ohne dass man sich dessen bewusst ist. […] Dabei macht jede Floskel für sich noch kein schlechtes Deutsch aus. Allein ihr unablässiger, zwanghafter und unbewusster Gebrauch weist ihre Verwender als Menschen aus, die sich kaum, nicht hinreichend oder gar nicht mehr der Mühe sorgfältiger und präziser Formulierung unterziehen.» Dieser Satz bringt es auf den Punkt: Floskeln sind nie persönlich, nie empfängerorientiert. Sie sind austauschbar und deshalb nie einzigartig. Der Empfänger, die Empfängerin ist es nicht wert, einen persönlichen und einzigartigen Satz zu formulieren.

Wie wird man die Floskeln los? Googeln Sie «floskelfrei schreiben» und Sie erhalten 1000 Tipps dafür. Damit ist man bereits mittendrin – untersuchen Sie jeden Text unerbittlich nach Floskeln und Phrasen. Schreiben Sie so, wie Sie sind: einzigartig nämlich!

 

Gerold Brütsch-Prévôt, Mitinhaber der Text- und Werbeagentur Wortstark in Zürich, Dozent für Sprachkompetenz an verschiedenen Schulen. www.wortstark-zuerich.ch

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